„Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, daß auch sie freie, sehr freie Geister sein werden, diese Philosophen der Zukunft – so gewiß sie auch nicht bloß freie Geister sein werden, sondern etwas Mehreres, Höheres, Größeres und Gründlich-Anderes, das nicht verkannt und verwechselt werden will? Aber, indem ich dies sage, fühle ich[605] fast ebensosehr gegen sie selbst, als gegen uns, die wir ihre Herolde und Vorläufer sind, wir freien Geister! – die Schuldigkeit, ein altes dummes Vorurteil und Mißverständnis von uns gemeinsam fortzublasen, welches allzulange wie ein Nebel den Begriff »freier Geist« undurchsichtig gemacht hat. In allen Ländern Europas und ebenso in Amerika gibt es jetzt etwas, das Mißbrauch mit diesem Namen treibt, eine sehr enge, eingefangene, an Ketten gelegte Art von Geistern, welche ungefähr das Gegenteil von dem wollen, was in unsern Absichten und Instinkten liegt – nicht zu reden davon, daß sie in Hinsicht auf jene herauskommenden neuen Philosophen erst recht zugemachte Fenster und verriegelte Türen sein müssen. Sie gehören, kurz und schlimm, unter die Nivellierer, diese fälschlich genannten »freien Geister« – als beredte und schreibfingrige Sklaven des demokratischen Geschmacks und seiner »modernen Ideen«; allesamt Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigne Einsamkeit, plumpe brave Burschen, welchen weder Mut noch achtbare Sitte abgesprochen werden soll, nur daß sie eben unfrei und zum Lachen oberflächlich sind, vor allem mit ihrem Grundhange, in den Formen der bisherigen alten Gesellschaft ungefähr die Ursache für alles menschliche Elend und Mißraten zu sehn: wobei die Wahrheit glücklich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit allen Kräften erstreben möchten, ist das allgemeine grüne Weide-Glück der Herde, mit Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Erleichterung des Lebens für jedermann; ihre beiden am reichlichsten abgesungnen Lieder und Lehren heißen »Gleichheit der Rechte« und »Mitgefühl für alles Leidende« – und das Leiden selbst wird von ihnen als etwas genommen, das man abschaffen muß.“

—  Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse/Zur Geneologie der Moral
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„Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort, // Doch der freie wandelt im Sturme fort.“

—  Friedrich Schiller deutscher Dichter, Philosoph und Historiker 1759 - 1805
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„Der Eine fragt: was kommt danach? // Der Andre fragt nur: ist es recht? // Und also unterscheidet sich // Der Freie von dem Knecht.“

—  Theodor Storm deutscher Schriftsteller und Jurist 1817 - 1888
Sprüche. In: Gesammelte Schriften, Band 1. Braunschweig: Westermann, 1884. S. 148. Google Books-USA*

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„Wir können aber den Begriff des Menschen nicht zuende denken, ohne auf den freien Geist als die reinste Ausprägung der menschlichen Natur zu kommen.“

—  Rudolf Steiner österreichischer Esoteriker, Philosoph, Schriftsteller und Begründer der Anthroposophie 1861 - 1925
Die Philosophie der Freiheit (GA 4) S. 168

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„Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, // Vor dem freien Menschen erzittert nicht!“

—  Friedrich Schiller deutscher Dichter, Philosoph und Historiker 1759 - 1805
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„Jetzt muss der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter wieder unser Leben erfüllen.“

—  Friedrich Ebert Reichspräsident der Weimarer Republik 1871 - 1925
Rede zur Eröffnung der Nationalversammlung am 6. Februar 1919

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„Mir ist alles einerlei. // Mit Verlaub, ich bin so frei.“

—  Wilhelm Busch deutscher Verfasser von satirischen in Verse gefassten Bildergeschichten 1832 - 1908
Abschreckendes Beispiel. Band 3, S. 76.

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„Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, // Und würd' er in Ketten geboren.“

—  Friedrich Schiller deutscher Dichter, Philosoph und Historiker 1759 - 1805
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„Gebt das Hanf frei, und zwar sofort!“

—  Hans-Christian Ströbele deutscher Politiker, MdB 1939
Beim Protest gegen die widerrechtlich erfolgte Beschlagnahme von 68 Hanfpflanzen auf einem Motivwagen der HanfParade 2002 in Berlin, zitiert in Jungle World, 18. Dezember 2002, nadir. org

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„Am schmerzlichsten sind jene Qualen, die man frei sich selbst erschuf.“

—  Sophokles klassischer griechischer Dichter -496 - -406 v.Chr
König Ödipus, 1230f / Der Diener

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„Ich möchte frei sein, aufs äußerste frei. Frei wie ein Totgeborener.“

—  Émile Michel Cioran rumänischer Philosoph 1911 - 1995
E. M. Cioran: Vom Nachteil, geboren zu sein, Suhrkamp Verlag, 1993, ISBN 351837049-9, S. 10.

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„So etwas wie eine freie Gesellschaft gibt es nicht.“

—  Margaret Thatcher Premierministerin des Vereinigten Königreichs 1925 - 2013
Bernhard Walpen: Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft. Eine hegemonietheoretische Studie zur Mont Pèlerin Society, Hamburg (2004)

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„Auch darin hat es herrlich der Tyrann: Frei darf er tun und sagen, was er will.“

—  Sophokles klassischer griechischer Dichter -496 - -406 v.Chr
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