Zitate von Thomasîn von Zerclaere

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Thomasîn von Zerclaere

Geburtstag: 1186
Todesdatum: 1216

Thomasîn von Zerclaere war der Verfasser des monumentalen mittelhochdeutschen Gedichtes Der wälsche Gast.

Er war ein gebildeter romanischsprachiger Ministeriale aus dem Geschlecht der Cerclaria und seit etwa 1206 Domherr am Hofe des deutschsprachigen Patriarchen von Aquileja, Wolfger von Erla, dem früheren Bischof von Passau und Förderer Walthers von der Vogelweide. Die genauen biographischen Daten sind jedoch ungesichert, bzw. gibt es mehrere mögliche Annahmen in der Forschung.

Laut eigenen Angaben verfasste er im Winter 1215–1216 in nur zehn Monaten das erste monumentale deutschsprachige Lehrgedicht des Mittelalters, Der wälsche Gast . Dieses Werk umfasst 14.750 Verse und ist in einem bairischen Mittelhochdeutsch geschrieben, mit Einfärbungen, die er möglicherweise von den zimbrischen Sprachinseln in Norditalien gelernt hat. Deutsch war nicht die Muttersprache des Norditalieners Thomasîn und so entschuldigt er sich auch beim Leser für sprachliche Unzulänglichkeiten . Tatsächlich können seine Reimpaarverse mit der Eleganz und Sicherheit der gleichzeitigen höfischen Erzähldichtung nicht konkurrieren. Trotzdem war das Werk erfolgreich und fand weite Verbreitung: Es ist in 24 Handschriften und Handschriftfragmenten überliefert, die überwiegend mit reichen Illustrationen versehen sind. Diese dürften – ein Novum in der mittelalterlichen deutschen Literatur – bereits vom Autor zusammen mit dem Text konzipiert worden sein.

Zielpublikum des Fremdlings aus der Romania waren junge Adelige, die im Buch zu höfischen Tugenden ermahnt werden. Der Welsche Gast belehrt über höfische Erziehung, Bildung, Minne, praktische Ethik und ritterliche Tugenden . Dabei verarbeitete Thomasin vielfach zeitgenössisches lateinisches Schrifttum über Ethik, Philosophie und die Artes liberales. Hof- und Zeitkritik durchziehen das ganze Werk. In diesem Kontext ist noch erwähnenswert, dass Thomasin seine Morallehre aus kosmischen Gesetzmäßigkeiten ableitet und dadurch eine Ethik kreiert, die nicht auf religiösen Wahrheiten aufbaut, sondern fest in Naturgesetzlichkeiten verankert ist. Im achten Buch nimmt Thomasin Bezug auf Walther von der Vogelweide und kritisiert dessen Angriffe auf die bestehende Ordnung und den Papst.Seine Art, bairisches Mittelhochdeutsch zu schreiben, und auch seine teilweisen Unsicherheiten dabei, sind jedoch für die historische Linguistik eine hochinteressante Quelle, da sich gerade in dieser Zeit der Kontakt des bairischsprachigen Raums mit den romanischsprachigen Gebieten südlich der Alpen intensivierte und sich das Bairische teilweise sogar in davor romanischsprachigen Tälern ausbreitete. Der Sprachwechsel dieser romanischen Bevölkerung zum Bairischen prägt die südbairischen Dialekte mit aus dem romanischen stammenden Vokabular und auch typisch romanischen lautlichen und grammatikalischen Formen bis heute. Dieser Prozess kann bei Thomasin praktisch direkt an einem Zeitzeugen analysiert werden. Die südlichen Sprachnachbarn der Baiern waren damals übrigens durchgehend die alpenromanischen Sprachen und nicht die italoromanischen Sprachen der Ebene, und zwar vom Engadin im Westen, über den Vinschgau und Trient bis ins Friaul im Osten, der Heimat Thomasins.

Die älteste überlieferte Version seines Werkes befindet sich in der Universitätsbibliothek Heidelberg unter der Signatur Cpg 389. Wikipedia

Zitate Thomasîn von Zerclaere

„Wer gern versucht, was er nicht sollte, // Der findet oft, was er nicht wollte.“

—  Thomasîn von Zerclaere

Der welsche Gast
(Original Edition Rückert: "swer gern versuoht daz er niht solde, // der vindet oft daz er niht wolde.") - Der wälsche Gast. Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur von der ältesten bis auf die neuere Zeit. 30. Band. Hg. von Dr. Heinrich Rückert. Quedlinburg und Leipzig: Gottfried Basse, 1852. S. 53, Vers 1953f.
(Original CPG 389: "swer gern versvhet daz er niht ensolde // der vindet ofte daz er niht enwolde") - Heidelberger Handschrift, Cod. Pal. germ. 389, Blatt 31r http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg389/0073

„Als der kranke Mann genas, // War er, was er früher war.“

—  Thomasîn von Zerclaere

Der welsche Gast
(Original Edition Rückert: "’dô der siech man genas, // dô was er als er ê was.‘") - Der wälsche Gast. Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur von der ältesten bis auf die neuere Zeit. 30. Band. Hg. von Dr. Heinrich Rückert. Quedlinburg und Leipzig: Gottfried Basse, 1852. S. 62, Vers 2259f.
(Original CPG 389: "do der siech genas // do was er als ê was") - Heidelberger Handschrift, Cod. Pal. germ. 389, Blatt 36r http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg389/0083

„Der Mann hat freien Mut, // Der gerne tut, was er tut.“

—  Thomasîn von Zerclaere

Der welsche Gast
(Original Edition Rückert: "der man hât einen vrîen muot // der gerne tuot daz er tuot.") - Der wälsche Gast. Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur von der ältesten bis auf die neuere Zeit. 30. Band. Hg. von Dr. Heinrich Rückert. Quedlinburg und Leipzig: Gottfried Basse, 1852. S. 214, Vers 7851f.
(Original CPG 389: "der man hat ainn vrêien mvt // der gern tvt daz er tvt") - Heidelberger Handschrift, Cod. Pal. germ. 389, Blatt 122r http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg389/0255

„Wer das tut, was er tut mit Rat, // Den reuen selten seine Tat.“

—  Thomasîn von Zerclaere

Der welsche Gast
(Original Edition Rückert: "swer tuot swaz er tuot mit rât, // den riuwet selten sîn getât.") - Der wälsche Gast. Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur von der ältesten bis auf die neuere Zeit. 30. Band. Hg. von Dr. Heinrich Rückert. Quedlinburg und Leipzig: Gottfried Basse, 1852. S. 353, Vers 12999f.
(Original CPG 389: "swer tvt swaz er tvt mit rât // dev reuwet selten sein getat") - Heidelberger Handschrift, Cod. Pal. germ. 389, Blatt 199r http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg389/0409

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