„Aus der Welt verschwindet mit den historischen Bindungen und Landschaften auch das Verhalten, das sich nach geschichtlichen Vorbildern beurteilen und prognostizieren läßt. Daher beginnen auch Wörter trügerisch zu werden, die zum eisernen Bestand des geschichtlichen Handelns und der Verträge gehörten, wie »Krieg« und »Frieden«, »Volk«, »Staat«, »Familie«, »Freiheit«,»Recht«.“Ernst Jünger
„Ferner: Gab es immer, solange Menschen auf der Welt sind, Weltgeschichte in unserem Sinn? Ohne Zweifel nicht, da wir von Vor- und Urgeschichte sprechen, die wir entweder aus unserer Geschichtsbetrachtung ausklammern oder als Vorsaal in sie einbeziehen. Eine Person, eine Begebenheit muß ganz bestimmte Eigenschaften aufweisen, um »geschichtlich« zu sein. Dazu gehört sowohl die geschichtsbildende Kraft als auch die Fähigkeit, Gegenstand der Geschichtschreibung und des in ihr waltenden Eros, Objekt der historischen Anschauung zu sein. Diese heftet sich an bestimmte, nicht an beliebige Zeiten und Vorgänge.“Ernst Jünger
„Der ungeheure Zug, den wir erleiden, kann nicht allein aus schärferer Durchdenkung der Welt entspringen; er treibt andere Symptome hervor als der cäsarische Altersstil. Nach dieser Theorie müßten die Söldnerheere zunehmen; ihr widerspricht die Totale Mobilmachung. Der Gebildete würde sich durch einen ganz anderen Abstand von den Dingen auszeichnen, durch geistige Gelassenheit, sei es im Sinn der Stoa oder Epikurs. Die Machtfragen würden weniger mit Moralfragen verquickt werden, und umgekehrt. Im allgemeinen würde man angenehmer leben, wie fast immer in Spät- und Verfallszeiten.“Ernst Jünger
„Haben wir das Gefühl, in einer Spätzeit zu stehen? Das ist wohl vorbei; es war um 1900 stärker ausgeprägt. Es gibt nur noch wenige Orte auf der Welt, an denen man sich den Luxus der decadence leisten kann. Heut heißt es: »Friß, Vogel, oder stirb«.“Ernst Jünger
„Eine nicht näher zu berührende Frage ist die nach den Mächten, die die Deutung bestimmen oder von denen der Deuter bestimmt zu werden glaubt. Gleichviel ob er Gesetze oder prägende Mächte aus der Umdrehung des Schicksalsrades zu erraten meint - sein Blick richtet sich auf eine zwar verschleierte, doch ohne Zweifel wirksame Welt. Das ist erstaunlich in einer Zeit, in der die Theologie in immer größerem Umfang sich der reinen Ethik zuzuwenden beginnt. Noch erstaunlicher ist der Umstand, daß es sich nicht um wie Schnee in der Sonne der praktischen Vernunft dahinschmelzende Reste, um »Tibetanisches«, handelt, sondern um Auswachsendes.“Ernst Jünger
„Wo der Verstand dem Urphänomen begegnet, stößt er auf Stärkeres. Hier muß er haltmachen; hier kann ihm ein Damaskus zuteil werden. Erst hier erfährt der Trieb, der ihn bewegte, die wahre Befriedigung. »Denn alle Lust will Ewigkeit.« Das gilt auch für das Wissen und seine Unersättlichkeit. Dort endet die faustische Welt.“Ernst Jünger
„Der Mensch kann nicht darüber entscheiden, was an archaischer und mythischer Substanz, wohl aber darüber, was an geschichtlich-humanem Erbe mitgenommen wird. Hier spricht Bewußtsein mit, und damit Verantwortung. Das kann auch Reinigung bedeuten, indem es zugleich möglich erscheint, daß historisch-politische Elemente der Selektion zum Opfer fallen und als überwunden zurückbleiben, vielleicht sogar der Staat. Darin vollzieht sich mehr und Schmerzhafteres als im bloßen Wechsel moralischer Anschauungen, wie ihn die Panik erzeugt. Sie ist kein Zoll für den Eintritt in die transhistorische Welt.“Ernst Jünger
„Es handelt sich aber bei der Diskussion über das Experiment nur umSpitzenbegegnungen. Im Hintergrunde wirkt, unfaßbar und ungesondert, nichtetwa das experimentelle Denken, sondern die proteushafte Macht, die dieses Denken bewegt. Daher sehen wir die Diskussion um das Experiment nicht nur auf diesem einen, sondern auf vielen und wechselnden Gebieten entbrannt. Sie füllt einen Teil der Tagespolemik aus. Hierin liegt der Grund dafür, daß zahlreiche undverständige Verbote erlassen werden und daß sie am Schube nichts ausrichten, ihnoft noch beschleunigen. Er liegt darin, daß das Experiment und die mit ihm verbundene spezielle Intelligenz bei der Entstehung der neuen Welt nur Hilfestellungleisten, nicht unmittelbar hervorbringen.“Ernst Jünger
„Von der Gestalt aus, die selbst ruht, wird die Welt als Bewegung begriffen, von den Atomen bis zu den Galaxien. Wir sehen, was Maß und Zahl betrifft, die Einzelheiten ungemein scharf, während Sinn und Ziel des Ganzen uns immer mehr zu entgleiten scheint. Doch gerade Präzision und Ineinandergreifen der Einzelheiten lassen vermuten, daß etwas »dahinter steckt«, nicht etwa im Sinn von »Hinterwelten«, sondern des »Innern der Natur«.“Ernst Jünger
„Wie hat der deutsche Soldat zweimal hintereinander unter einer unfähigen politischen Führung gegen die ganze wider ihn verbündete Welt sich halten können? Das ist die einzige Frage, die man meiner Ansicht nach in 100 Jahren stellen wird.“Ernst Jünger
„Daß die Frage der Abwälzung der Sklavenarbeit auf technische Art gelöst werden wird, und zwar quantitativ durch die Entwicklung von Robotern und Automaten, qualitativ durch eine Verfeinerung und Verwandlung der Rohprodukte auf eine Weise, deren Ziel und Umfang noch kaum zu ahnen sind - das muß als eine der möglichen Leistungen unter vielen begriffen werden, doch nicht als Absicht, sondern als eines der Mittel der sich bildenden Welt. Es zählt zum Eingebrachten, zur Mitgift der Gestalt des Arbeiters. Das Ziel der Technik ist Erdvergeistigung.“Ernst Jünger
„Geistige Freiheit wird nicht gewährt; sie ist vorhanden oder fehlt. Geistige Freiheit wird auch nicht gefordert, sondern sie wird bewiesen, und davon lebt die Welt. Nichts ist einfacher als dieser Nachweis, doch auch nichts schwieriger. Was jeder könnte, wer vermags?“Ernst Jünger
„Es mag als Verlust erscheinen, daß die geistige Souveränität vereinzelt wurde und daß, wenn man noch sagen will, daß Denken die Welt regiere, es doch ein sehr spezielles Denken geworden ist. Die Ausmünzung der Hegelschen Philosophie und die dominierende, ja schicksalhafte Bedeutung, die die exakten Naturwissenschaften gewonnen haben, sind Beispiele.“Ernst Jünger
„Hierher der Heilsarmeestil der Generale, der Altetantenstil der Philosophen, der Sammethandschuhstil der Pädagogen in einer Welt der Gewalt, der Gehässigkeit, der unbarmherzigen Prüfungen – als genaue Entsprechung von Nichthandeln und Handeln oder von Furcht und Schrecken überhaupt. Dies aber sine ira et studio, letzthin mit Wohlwollen und ohne in Nietzsches Fehler zu verfallen, als Amoralist dreimal soviel zu moralisieren wie alle anderen. Vor dieser Flut, in dieser Wende handelt keiner ganz richtig und keiner ganz verkehrt. Viel wichtiger als nachzurechten ist nachzurechnen – wie Forschung der Wertung vorangeht, so topographisches Bemühen der Rechtsordnung.“Ernst Jünger